Neue Dolmetschplattformen: Fluch oder Segen?

 | Aus der Schule geplaudert

Wenn von neuen Dolmetschplattformen die Rede ist, scheiden sich die Geister. Erfolgversprechend sind sie jedenfalls nur, wenn Technikanbieter und Dolmetscher eng zusammenarbeiten. Bei Calliope-Interpreters haben wir die vielversprechendsten Tools unter die Lupe genommen und präsentieren hier die Ergebnisse unserer Tests.

headphones on keyboard

Leistungsfähigere technische Lösungen im Bereich des Ferndolmetschens (Remote Interpreting oder kurz RI) haben in letzter Zeit zur Entstehung einer neuen Generation von Dolmetschplattformen geführt. Die Branchenwebsite InterpretAmerica hat im Oktober 2016 einen Gastblog mit dem Titel Dolmetschplattformen – auf den fahrenden Zug aufspringen? publiziert, in dem die Autorin hervorhebt, dass der Erfolg neuer Dolmetschplattformen nicht allein von der Technik abhängt. Das größte Hindernis sei im Moment die mangelnde Bereitschaft hochqualifizierter Konferenzdolmetscher, die neuen Tools zu nutzen. Sie seien neuen Technologien gegenüber kritisch eingestellt. Doch diese Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. Schließlich müssen sich Dolmetscher voll und ganz auf die Technik verlassen können, um ihren Kunden einen durchgängig guten Service zu bieten. Calliope hat mehrere Ferndolmetschsysteme getestet und ist zum Schluss gekommen, dass zum jetzigen Zeitpunkt nur zwei Tools annähernd marktreif sind. Doch selbst wenn die neuen Technologien einmal anspruchsvolleren Bedürfnissen genügen sollten, benötigen sowohl die Nutzer als auch die Erbringer von Dolmetschdienstleistungen zuverlässige Empfehlungen hinsichtlich Technik, Rekrutierung, Kosten und Rahmenbedingungen für den Einsatz der neuen RI-Tools.

Die technischen Hürden

Dies kommt auch in einem übersichtlichen und informativen Beitrag von Cyril Flerov für die American Translators Association (ATA) zum Ausdruck. In seinem Beitrag mit dem Titel Ferndolmetschen: Alternativen und Normen hebt Flerov folgende Hauptpunkte hervor:

Erstens: Ferndolmetschen ist nicht einfach Ferndolmetschen. Internationale Organisationen praktizieren beispielsweise schon heute Ferndolmetschen über ein internes Kabelnetz. Doch schon beim Einsatz externer Kabelnetze verliert die Tonqualität schnell an Qualität. Kein Wunder also, dass das Ferndolmetschen aus Privathaushalten mit einer ganzen Reihe von technischen und logistischen Schwierigkeiten verbunden ist.

Zweitens: Flerov unterstreicht die Bedeutung der Tonqualität der Ausgangssprache, die nicht einfach subjektiv vom Dolmetscher, sondern anhand der geltenden ISO-Normen zu beurteilen ist. Wenn RI-Systeme in Privathaushalten eingesetzt werden, basieren diese auf VoIP-Technik, die den entsprechenden ISO-Normen für Dolmetscher nicht entsprechen. Bei der Verwendung von Festnetz- oder Mobiltelefonverbindungen wird das Problem der mangelnden Tonqualität zusätzlich verschärft. Flerov betont, dass Konferenzdolmetscher einen besseren Ton benötigen als beispielsweise ihre Zuhörer, weil es sich beim Simultandolmetschen um eine höchst anspruchsvolle kognitive Tätigkeit handelt. Mit Recht weist er auch darauf hin, dass Dolmetscherkabinen durchaus einen Zweck erfüllen. So liegt die typische Nachhallzeit in einer Dolmetscherkabine im Rahmen der ISO-Norm zwischen 0,3 und 0,5 Sekunden, während außerhalb einer Kabine deutlich höhere Werte gemessen werden, wodurch die gesprochene Sprache schwerer zu verstehen ist.

Laut Flerov steckt das aus Privathaushalten praktizierte Ferndolmetschen immer noch in den Kinderschuhen, weil die verfügbare Tonqualität noch weit von den ISO-Normen entfernt ist. Für den Autor eignet sich die neue Technologie auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand nicht für die Dolmetschpraxis und würde dem Beruf letztlich nur Schaden zufügen.

Voraussetzungen für den Einsatz von RI-Tools

Flerovs Schlussfolgerungen über die Marktreife der RI-Technologie decken sich mit den Erfahrungen von Calliope-Interpreters. Aufgrund der Test-Erfahrungen mit mehreren Software-Paketen kommen wir zu dem Schluss, dass für einen verantwortungsbewussten Einsatz von neuen RI-Tools vier Hauptbedingungen erfüllt sein müssen:

  1. Die verwendete Technologie muss die geltenden ISO-Normen erfüllen. Dabei geht es nicht nur um eine anhaltend und zuverlässig hohe Tonqualität, sondern auch um den Schutz von Gesundheit und Sicherheit der Dolmetscher.
  2. Die im Privathaushalt für das Ferndolmetschen eingesetzte Technik muss den geltenden Qualitätsnormen für Kopfhörer, Geräuschunterdrückung, Breitbandnetz und Verbindungskapazität entsprechen. Außerdem muss stets ein qualifizierter Techniker verfügbar sein. Der für eine gute Dolmetschleistung unabdingbare unterbrechungsfreie Ton lässt sich nur durch eine zuverlässige Kabelverbindung sicherstellen. Ein Drahtlosnetz (WLAN) kann diese Bedingungen nicht erfüllen.
  3. Um auch in Zukunft gute Dolmetschqualität sicherzustellen, sollte bei der Ausarbeitung von Rekrutierungs- und Honorarmodellen der Internationale Berufsverband der Konferenzdolmetscher http://aiic.net/main/index/lang/32 eingebunden werden. Dies gilt insbesondere auch für Themen wie Arbeitszeitregelung, Ermüdungsbelastung und Relaisdolmetschen.
  4. Für Kunden sollten Richtlinien erarbeitet werden, die ihnen bei der Entscheidung helfen, ob sich ihr Event für RI eignet oder nicht. Generell lässt sich sagen, dass in einer einzigen Sprachrichtung zu verdolmetschende Präsentationen wie http://www.calliope-interpreters.org/de/aktuelles/drei-dinge-die-sie-uber-webcasting-mit-simultanverdolmetschung-wissen-mussen mit geringer oder keiner Publikumsinteraktion wohl am ehesten für das Ferndolmetschen geeignet sind.

Vor- und Nachteile

Die Vorteile des Ferndolmetschens für Kunden und Dolmetscher liegen auf der Hand:

  • Mehr Leistung bei vergleichbarem Budget
  • Mehrsprachige Kommunikation kann häufiger angeboten werden
  • Tonqualität ist besser als mit Skype oder Telefonie

Zu den Nachteilen gehören:

  • Technische Anfälligkeit
  • Mangelnde Kommunikationsqualität
  • Ferndolmetschen eignet sich nur für beschränkte Einsatzgebiete

Sowohl Dolmetscher als auch Technologieanbieter müssen dafür sorgen, dass die RI-Tools verantwortungsbewusst eingesetzt werden. Nur so kann sich die neue Technik einen guten Ruf aufbauen.

Ohne Partnerschaft kein Erfolg

Abschließend lässt sich sagen, dass das Ferndolmetschen nur erfolgreich betrieben werden kann, wenn Dolmetscher und Technikanbieter eng zusammenarbeiten. Sobald die Technologie ausgereift ist, müssen die Erfahrung und das Know-how der Konferenzdolmetscher einbezogen werden, um einen missbräuchlichen Einsatz der Software zu verhindern. Insbesondere müssen geeignete Rekrutierungs- und Honorarmodelle entwickelt werden, damit die hohen Qualitätsansprüche des Berufsstands nicht verwässert werden. Die beratenden Dolmetscher spielen hierbei eine wichtige Rolle, weil sie die Kunden bei der Wahl der geeigneten Dolmetschart optimal beraten können. Wir bei Calliope-Interpreters werden vielversprechende technologische Entwicklungen weiterhin aufmerksam beobachten und einsetzen - allerdings unter der Voraussetzung, dass die Qualität der Verdolmetschung gewahrt bleibt. 

Diesen Artikel teilen: